Auf einem Stück Papier …

10. März 2011 at 08:14 (Bücherwelten, Empfehlungen, Gedanken, Zitate)


Im Rahmen der „Alte Freunde“-Challenge komme ich nun endlich dazu, mal wieder „Vielleicht lieber morgen“ von Stephen Chbosky zu lesen, das mich vor einigen Jahren bereits sehr beeindruckt und berührt hat. Viele Zeilen aus diesem Debüt-Roman schwirren mir seitdem immer mal wieder im Kopf rum und ich freue mich wirklich, dass die Challenge mich sozusagen „zwingt“, dieses Buch noch mal zur Hand zu nehmen, in Ruhe zu lesen und mich ausführlich damit auseinandersetzen zu können.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei ein Gedicht, das auch heute Morgen wieder meinen Weg kreuzte und das ich so wundervoll finde, dass ich euch daran teilhaben lassen möchte. Vielleicht mag der eine oder andere ja seinen Eindruck, sein Gefühl, seine Meinung als Kommentar da lassen.

Auf einem gelben Stück Papier
grün liniert schrieb er ein Gedicht
Und er nannte es „Chops“
denn das war der Name seines Hundes
Und nur darum ging es
Und sein Lehrer gab ihm eine Eins
Und einen goldenen Stern
Und seine Mutter klebte es an die Küchentür
und las es seinen Tanten vor
Das war das Jahr
als alle Kinder mit Father Tracy in den Zoo fuhren
Und sie sangen mit ihm im Bus
Und seine Schwester kam auf die Welt
mit winzigen Zehennägeln und kahl
Und seine Eltern küssten sich oft
Und das Mädchen um die Ecke
schickte ihm eine Valentinskarte mit vielen „X“-en
Und er fragte seinen Vater was die „X“-e bedeuteten
Und sein Vater brachte ihn Abends ins Bett
Und war immer da, um das zu tun

Auf einem weißen Stück Papier
blau liniert schrieb er ein Gedicht
Und er nannte es „Herbst“
denn es war gerade Herbst
Und nur darum ging es
Und sein Lehrer gab ihm eine Eins
Und sagte, er solle präziser schreiben
Und seine Mutter klebte es nicht an die Küchentür
denn die war frisch gestrichen
Und die anderen sagten ihm
dass Father Tracy Zigaretten rauchte
Und sie in der Kirche fallen ließ
Und manchmal brannten sie Löcher in die Bänke
Das war das Jahr, als seine Schwester eine Brille bekam
mit dicken Gläsern und schwarzem Gestell
Und das Mädchen um die Ecke lachte ihn aus
wenn er mit ihr auf den Weihnachtsmann warten wollte
Und die anderen fragten ihn, warum seine Eltern sich oft küssten
Und sein Vater brachte ihn abends nicht mehr ins Bett
Und sein Vater wurde wütend, wenn er ihn weinend darum bat

Auf einem Blatt aus seinem Notizbuch
schrieb er ein Gedicht
Und er nannte es „Unschuld Eine Frage“
denn das war die Frage, die seine Freundin betraf
Und sein Lehrer gab ihm eine Eins
Und sah ihn lange und seltsam an
Und seine Mutter klebte es nicht an die Küchentür
denn er zeigte es ihr nicht
Das war das Jahr,
als Father Tracy starb
Und er erwischte seine Schwester,
wie sie hinterm Haus herumknutschte
Und seine Eltern küssten sich nicht mehr
Und schwiegen sich an
Und das Mädchen um die Ecke trug zu viel Make-up
sodass er husten musste, wenn er sie küsste
aber er tat es trotzdem, weil es das war, was man halt tat
Und um drei Uhr morgens brachte er sich ins Bett,
während sein Vater nebenan schnarchte

Auf einem Stück brauner Papiertüte
versuchte er sich an einem Gedicht
Und er nannte es „Absolut nichts“
denn nur darum ging es wirklich
Und er verpasste sich eine Eins
Und einen Schnitt in jedes Handgelenk
Und er klebte es an die Badezimmertür,
Denn er glaubte nicht,
dass er es noch bis zur Küche schaffen würde.

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